«Ich hab immer diese Schallwellen gehört»

Bonaparte

Ungekrönter Kaiser, mittelalterlicher Flüchtling oder cooler Testosteron-Bolzen? Eines steht fest: Bonaparte ist und bleibt eine Family Affair und Tobias Jundt, kreativer Übervater, hat derzeit einen krassen Output.

Bonaparte spielen dieses Jahr nur wenige Konzerte. Was ist los?
Wir haben nur zugesagt, wo wir die Leute kennen. Die Idee ist, wenig aufzutreten. Ich mache jetzt viel im Studio. Am Gurtenfestival wird es ein tolles Bonaparte-Set-up: zwei Drums, drei Bläser und noch Sachen rundherum. Die Bläser vom neuen Album («The Return of Stravinsky Wellington») haben es ins Live-Set-up geschafft. Sie werden auch die alten Songs mitspielen. Macht voll Spass.

Ihr werdet sicher auch Songs vom neuen Album spielen, die sind ruhiger als die alten Songs.
Es wird sehr stimmig werden, gerade als Ausklang. Unser Set geht aber nicht von wild zu ruhig, sondern wir zünden den Turbo. Es wird einen fröhlichen, exklusiven Abschluss geben. Klar sind die neuen Songs ruhiger, tiefer, breiter, aber zum Abschluss des Festivals gibt es natürlich ein Fest.

Bist du in Bern gebürtig? Ich hab irgendwo gelesen, dass deine Familie zugezogen sei. 
Wir sind 1551 eingewandert. Wir sind Flüchtlinge aus dem Mittelalter. Von dem her kann man wohl getrost sagen, wir sind Schweizer. Und ja, ich bin in Bern geboren.

Wie steht es mit deiner Beziehung zum Gurtenfestival?
Als Kind hab ich mich nicht so für Popmusik interessiert, aber im Sommer hab ich immer diese Schallwellen gehört, vom Fluss rüber. Ich war im Garten und hab dieses Schlagzeug gehört und hab nicht ganz verstanden, was das soll und warum die Leute auf den Berg hochgehen. Und irgendwann haben wir dann selber da gespielt.

Du hast Jahrgang 78, in den Neunzigern ging’s richtig los mit dem Gurtenfestival. War doch eigentlich genau deine Zeit.
Ich bin nie auf Festivals gegangen. Ich war stets auf der anderen Seite vom Zaun und hab mich nie in eine Masse hineinbegeben. Ich bin in den Neunziger mit allen möglichen Bands herumgehangen. Die ganzen Jazzmusiker – alle kamen in die Schweiz, weil es schöne Bedingungen gab, dort zu spielen. Ich hab auch viele kennengelernt, weil sie am Gurtenfestival gespielt haben. Selbst hochgegangen bin ich erst, als ich selber dort gespielt hab.

Ihr seid immer mit Kind und Kegel auf Tour. Ist deine älteste Tochter schon in der Schule? Kommen wieder alle mit?
Meine Tochter ist schon in der Schule und wir sind nicht auf Tour dieses Jahr, deswegen bleiben die Kinder wahrscheinlich zuhause. Ich hab mir das noch nicht überlegt. Runterfahren ist ganz schön heftig. Ein Tag Auto, Festival, ein Tag Auto. Wer würde sich das freiwillig antun?

Hätte ja sein können, dass es einen Familienausflug zu den Eltern gibt.
Wir spielen mitten in der Nacht. Das kriegen die in dem Alter nicht mehr hin. Ne, wir werden runterfahren mit der ganzen Bonaparte-Truppe, hinten in der Lounge musizieren, wie wir das immer tun. Ich würde gerne länger bleiben, aber ich bin bis kurz vorher im Studio auf einem anderen Kontinent. Bin an einer neuen Platte dran. Ich fliege nach Berlin und dann fahren wir nach Bern.

Das geht ja Schlag auf Schlag mit den Platten.
Ich sag ja: Ich hab keine Tour und ganz viel Zeit. Ich häng nicht nur rum (er lacht). Auf Tour sein saugt halt ganz viel Kraft. Ich hab zehn Jahre durchgespielt. Jetzt wollte ich mal richtig selektiv sein, und deshalb hab ich einen total krassen Output im Studio und beim Songschreiben. Ist auch mal schön, weisste?

Lass uns mal über dein neues Album sprechen. Die Resonanz im Netz ist schon gewaltig.
Gut oder schlecht?

Es ist gut, aber ich finde, dass es auf der Kippe ist. Die Gala schreibt: «Seine Zukunft gehört den Islandponys»
(Grosse Erheiterung am anderen Ende der Leitung.)

(Ich lese weiter vor.) «Die Bühne war über zehn Jahre sein Zuhause. Nun will der zweifache Familienvater Bonaparte kürzertreten. So plant er seine Zukunft.»

Diese Art von Medien … Das ist eh nur Quatsch. Die haben das gar nicht gemerkt. Ich finde es herrlich. Ich hab natürlich keine Islandponyzucht.

Gala ist gut. Von viel kommt viel. Aber es ist dir bestimmt egal, ob viele dich gut finden, oder nicht so viele.
Ich tu, was ich tu. Die Platte hat ihre Stellung in der Geschichte Bonapartes und ich weiss, dass viele Leute von ihrer Erwartungshaltung her die Platte nicht gut finden, wenn sie wollen, dass es krass abgeht, aber dann seh ich das Problem nicht, denn dann haben sie ja die alten Platten und können ans Konzert kommen. Und dann gibt’s Leute wie mich, die zehn Jahre älter sind und die Welt betrachten, wie sie jetzt ist. Da hat die Platte ihren Platz. Ich wollte etwas machen, was man als Platte hört und die nicht an eine Live-Show geknüpft ist – weil ich ja nicht jeden Abend spiele. Es geht darum, dass da Musik ist, die einen im Alltag begleitet. Deshalb sind die Themen Politik und Beziehungen. Ich finde «The Return of Stravinsy Wellington» in ihrer Unaufgeregtheit eine moderne Platte, obwohl ich in den Produktionen nicht versucht habe, einen auf 2017 zu machen. Es ist aber dennoch eine Bonaparte-Platte. Mich haben immer Künstler interessiert, die einen eigenen Weg gehen, und wenn die nächste Platte Hardcore ist, ein Orchester-Werk oder eine Techno-Platte, dann ist das so.

Mir gefällt die Platte gut. Besonders «White Noize» ist ein grosser Song. Ich finde, er braucht noch mehr Promotion.
«White Noize» ist auch mein liebster Song. Wenn ich einen wählen könnte für 2016/17 – er ist es.

Bekommt er gut Airplay?
Ich glaube schon. Das Video kommt sehr gut an. Aber hey, schau, ich war nie gross der Promo-Mensch, bin immer zwischen Stuhl und Bank. Man kennt mich, man kennt Bonaparte. Aber ich mach die Dinge lieber eigen als maximal anbiedernd. Die Platte zeigt Herz, was ich das Wichtige finde in unserer Zeit – sie versucht nicht, den coolen Testosteron-Bolzen heraushängen zu lassen.

«Wolfenbüttel» ist ein toller, ruhiger Song, aber dann wird’s kurios. Musste sofort an Element of Crime und Delmenhorst denken.
Es könnte auch Ostermundigen sein.

«Wolfenbüttel ist schuld». Erklär mal.
Dafür bräuchten wir einen eigenen Artikel. Ich hab schon zwei Anfragen von Wolfenbüttler Zeitungen bekommen, aber es sind die falschen, um darüber zu sprechen. Schlussendlich geht es um einen Punkt, an dem du dich von etwas abwendest und nein sagst. Wolfenbüttel steht für irgendein Kaff. Gleichzeitig gab es viel Geschichte in Wolfenbüttel, aber da jetzt die Nazikiste aufzutun … Wie fest spielst du mit dem Feuer, und wann sagst du nein? Für mich ist es okay, wenn es in dieser nächtlichen Beziehung bleibt, Versuchung und Lust. Es ist absurd, wie oft ich auf den Song angesprochen werde. Nur weil ich «Wolfenbüttel» sage!

Das hast du jetzt davon. Ist ne absurde Intervention. Aber lass uns bitte weggehen von Wolfenbüttel. Kinfolk, das Lebensgefühl. Was ist das für eine Erinnerung? Ein langer Sommer?
Nicht nur ein langer Sommer: eine ganze Kindheit. Das ist definitiv was Neues für Bonaparte. Ich hab mich gefragt, ob Bonaparte das darf, aber auf dieser Platte darf er das. Der Song ist nicht ironisch oder sarkastisch oder hat einen zweiten Boden. Es geht um die Menschen, die Gerüche, die Orte, die tief in dir drin sind. Wenn sich alles von dir abwendet – was und wer ist dann da? Es eine Autofahrt in der Nacht zu diesem Ort. Das Gefühl von Familie.

Bonaparte spielen in der Nacht vom 15. auf den 16.7. das Abschlusskonzert auf der Waldbühne um 2.00 Uhr.

Interview: Helge von Giese
Bild: zvg

 

 

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